Lächelnder Mann in Produktion.

Teilen hilft: Eine Alternative zur Kurzarbeit

Im Januar 2020, noch bevor die Covid-19-Pandemie zu den immensen Einschränkungen und Verlusten in der Wirtschaft führte, waren rund 380.00 Personen in Kurzarbeit. Im März desselben Jahres lag die Zahl schon bei über 2,8 Millionen, um im April mit über 6 Millionen einen Höhepunkt in 2020 zu erreichen. Anfang 2021 waren noch immer 2,6 Millionen Menschen in Kurzarbeit tätig. Dabei trifft es unterschiedliche Branchen unterschiedlich hart: Während die Kurzarbeit in einigen Wirtschaftszweigen der Industrie, wie Maschinenbau und Metallerzeugung, schon wieder rückläufig ist, steigen die Zahlen in anderen Industriebranchen wieder an. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen Automobilbauer und -zulieferer manchmal mehr Aufträge hatten, als sie bewältigen konnten, stehen die Maschinen in deren Produktionsstätten jetzt häufiger still. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) leiden am meisten unter der Situation.

Ein Gedanke liegt da nahe: Könnten diejenigen, die gerade wenig oder zu wenig zu tun haben, denjenigen, die derzeit viel oder zu viel zu tun haben, helfen? Könnte damit sogar Kurzarbeit verhindert oder zumindest die Zahl der kurzarbeitenden Personen verringert werden? Könnte im „Teilen on demand“ eine Alternative zur Kurzarbeit liegen?

Wissenschaftler:innen vom Institut für Integrierte Produktion Hannover (IPH) und vom International Performance Research Institute gGmbH (IPRI) in Stuttgart sind der Meinung, dass das Teilen von Produktionskapazitäten durchweg sinnvoll ist. Im Rahmen des IGF-Projekts KapShare entwickeln sie eine Online-Plattform, die KMU ein so genanntes Kapazitäten-Sharing ermöglichen soll. Dass es sich bei KapShare um ein Projekt der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) handelt, trägt zur Vertrauensbildung bei: Die Teilnehmenden können sich auf bewährte und erprobte Strukturen und seriöse Akteur:innen verlassen.

Die Idee hinter KapShare: Kooperierende Unternehmen sollen ihre Produktions-Bedarfe auf eine digitale Plattform hochladen können und rasch einen Kooperationspartner finden. Auf der anderen Seite finden Betriebe, die gerade einen Leerlauf haben, hier ihre passenden Aufträge. Mitarbeiter von IPH und IPRI erforschen bei KapShare die Parameter, die es zum Gelingen braucht: Wie können die verschiedenen Bedarfe — sinnvoll und verlässlich — koordiniert werden? Wie wird ausgewählt, wer mit wem Maschinen und Produktionsstätten teilt? Welche rechtlichen und versicherungsrelevanten Grundlagen müssen berücksichtigt werden und wie schafft man es, gegenseitiges Vertrauen zu erzeugen? Auch die Frage nach der Datensicherheit steht im Raum.

Ganz neu ist der Sharing-Ansatz nicht. Gemeinsame Nutzung von Infrastrukturen oder das Verleihen und Ausleihen von Geräten finden schon lange in unterschiedlichsten Branchen wie Landwirtschaft oder im Baugewerbe statt. Auch Co-Working-Spaces beruhen auf dem Prinzip: Teilen hilft allen.

Das Prinzip Teilen klingt gut“, finden auch Maren Müller (IPH) und Fabian Schüler (IPRI). „Bei unserem Projekt geht es in erster Linie um Kooperationen von Produktionsunternehmen. Es gibt hier bestimmte Punkte, auf die wir ein großes Augenmerk in der Forschung legen“, erklärt Müller. „Vertrauen ist ein solcher Punkt; das ist ganz wichtig. Schließlich produziert im Falle der Beauftragung jemand anders mein Produkt. Da frage ich mich natürlich: Macht der das richtig? Ist die Qualität dieselbe, die meine Kunden von mir kennen? Und wenn es zudem ein Wettbewerber von mir ist, kommt vielleicht noch die Sorge dazu: Wie sicher sind meine Daten?“ Alle Unternehmen müssen gecheckt werden, betont die Projektleiterin. Außerdem sollen die Unternehmen Beurteilungen hinterlassen, wenn sie mit anderen Firmen zusammengearbeitet haben. „Beispielsweise: KMU XY hat gute Qualität produziert und alle Fristen eingehalten. Zusammenarbeit gerne wieder. Daran können sich andere Firmen orientieren.“

Das Forscherteam setzt auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen im Rahmen seines Pilotprojekts: Ein KMU-spezifischer Aufbau der Online-Plattform hat hohe Priorität. In Initialisierungsworkshops vor Ort werden die Unternehmen auf Qualitätsstandards geprüft; die Plattform selbst muss verschiedenen Nutzertypen gerecht werden.

Damit die Unternehmen sicher sein können, dass sich die Teilnahme für sie lohnt, haben die Wissenschaftler einen Entscheidungsbaum entwickelt. Das Fazit der Unternehmen fällt bislang positiv aus: „Unsere Projektreffen sind voll“, freut sich Müller. „In dem Projektbegleitenden Ausschuss versammeln sich viele Unternehmen. Wir führen hier lebhafte Diskussionen; Interesse und Engagement sind extrem hoch.“

Die Online-Plattform soll den Unternehmen zukünftig Zeit sparen und den gesamten Prozess eines Kapazitäten-Sharings vereinfachen und gleichzeitig sicherer machen. Mit geprüften und verlässlichen Partner:innen. Im März steht das dritte Projekttreffen an und im Sommer 2021 findet das Abschlusstreffen statt. „Dann wissen wir, ob unser Pilotprojekt hilfreich war und seinen Zweck erfüllt“, resümiert Müller.

Noch ein Tipp zum Schluss für Unternehmen, die Kapazitäten teilen und Produkte bei Partnern herstellen lassen wollen? „Langsam anfangen: Erstmal sollten die Unternehmen mit Standardbauteilen Tests fahren, bevor kritische Teile in Auftrag gegeben werden“, rät die Wissenschaftlerin.

Wer neugierig geworden ist, mehr erfahren will oder mitmachen möchte, der kann sich mit Maren Müller (+49 (0)511 279 76-443; mueller@iph-hannover.de) oder Fabian Schüler (+49 (0) 711-6203268-8005; fschueler@ipri-institute.com) in Verbindung setzen.

Evelyn Bargs-Stahl

Foto Header: ©istock; Foto Beitrag: ©pexels/elevate1267348

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